Games World Zu Gast im Schloss der Spiele

Die frühen 90er waren aus Sicht vieler Spieler die «Golden Era» der noch jungen Videospielgeschichte: Nintendo und SEGA duellierten sich um die Spitzenposition und bescherten den Spielern unzählige Softwareperlen, das NeoGeo brachte Arcade-Titel in nicht für möglich gehaltener Qualität in die heimischen Wohnzimmer und auf dem PC nahm das 3D-Zeitalter seinen Lauf. Die wachsende Branche weckte auch das Interesse anderer Medien, so auch dasjenige des TV-Senders Sat.1. Mit Games World schickte der Privatsender eine Show rund um den aufstrebenden Unterhaltungsbereich ins Rennen.


Die Sendung

Am Sonntag, 27. März 1994 feierte die TV Show auf dem Privatsender Sat.1 ihre Premiere, die Ausstrahlung war vormittags um 10:00 Uhr. Jeweils 6 jugendliche Kandidaten wagten sich in das «Schloss der Spiele» und stellten sich dort eingekleidet mit einer vollgesprayten Weste und markigen Sprüchen dem Publikum kurz vor.

Danach ging es ans Eingemachte: Zwei Kandidaten traten in einem Spiel gegeneinander an. Der Sieger kam eine Runde weiter, der Verlierer war «leider, leider, leider out» und wurde aus dem Schloss gebeamt. Das nach dem ersten Durchgang  verbliebene Trio durfte in Runde 2 nacheinander in einem Highscore-Wettkampf antreten, worauf der Spieler mit der schwächsten Leistung ebenfalls die Segel streichen musste. Im Halbfinale gab es dann nochmals ein direktes Duell der beiden verbliebenen Kandidaten. In früheren Staffeln wurde dies in einem Games-World-eigenen Spiel ausgetragen.

Der Finalist durfte dann im grossen Finale gegen einen per Zufallsgenerator ermittelten Videator antreten. Gelang es dem Kandidaten seinen übermächtigen Gegner zu bezwingen, so wurde seine Punktzahl für das sendungsübergreifende Scoreboard verdoppelt. Im Staffelfinale machten die 6 Bestplatzierten dann den Gesamtsieger unter sich aus.

Ab der zweiten Staffel gab es mit Games World Live eine zusätzliche Show. In den 10 Minuten Sendezeit konnten die Zuschauer von zu Hause aus per Telefon mitspielen und Preise absahnen. Zusätzlich präsentierten Robby und Norman jeweils Neuheiten aus der Welt der Videospiele. Hardware wie der Super Game Boy waren ebenso dabei wie neue Software-Perlen für verschiedene Konsolen.


Die Moderatoren

Präsentiert wurde die Sendung von einem Moderationsgespann, bestehend aus Robby Rob und Norman Adelhütte.

Robert Viktor Minich, wie Robby mit bürgerlichem Namen heisst, hatte bereits zuvor in verschiedenen Filmen Erfahrung vor der Kamera gesammelt und widmet sich auch heute noch der Schauspielkunst. In Games World mimte er Robby Rob, den Herrn der Spiele, Master of the Games. Optisch fiel er durch seine Mütze, die gelbliche Brille und seinen rot-weiss gestreiften Pullover auf. Er zeichnete sich durch sein freches Mundwerk und seine abschätzige Haltung gegenüber den Kandidaten aus. Nicht selten unterbrach er die «Knilche», während sie seine Fragen beantworteten, mit einem „Setzen!“ und freute sich diebisch, wenn er einen Kandidaten weggebeamt durfte. Er gab für jede Runde jeweils das Startkommando indem er einen grossen Hebel mit der Ankündigung „Das Spiel startet… JETZT!“ umlegte. Zu seinen engsten Freunden gehörten die Videatoren, die im Finale auf seine Unterstützung zählen konnten.

Norman Adelhütte hingegen war den Kandidaten wohlgesinnt. Er führte die Vorstellungsrunde durch und kommentierte auch das Spielgeschehen während den Duellen. Oftmals trat er auch in ausgefallenen Verkleidungen an. So präsentierte er sich auch schon mal als Superheld NOR-MAN oder mit Haarpracht und Jacke des Moderators der vor Games World ausgestrahlten Sendung SUPER!!!. Nach Games World blieb Norman auch weiterhin dem Fernsehen treu, seit 2012 ist er  Redaktionsleiter bei NTV für den Bereich PS Auto/Motor.


Die Videatoren

Sie waren die Bösewichte, die Endgegner, die ultimative Herausforderung: Die Videatoren! Die zufällig ermittelten Finalgegner der Kandidaten verkörperten Figuren, die einem Comic entsprungen zu sein schienen. Die Palette reichte vom verwöhnten Schnösel, über einen miesgelaunten Rocker bis hin zum überlegenen Sportler aus der Zukunft. Einige Videatoren wurden im Lauf der Zeit durch neue Charaktere ersetzt, aber sie alle trumpften mit ihrem Können im Umgang mit dem Gamecontroller auf und wurden nur selten bezwungen.

Ebenfalls Bestandteil von Robby Robs Brut war Officer Strager. Er kündigte nicht nur die Runden an, sondern führte die ausgeschiedenen Kandidaten zur Beamstation und beamte sie teils auch selber aus dem Schloss der Spiele.

Hier die Galerie des Schreckens:

 


Die Spiele

Gespielt wurden jeweils Titel aller aktuellen Systeme. Von den 16-Bittern Super Nintendo und SEGA Mega Drive, über NeoGeo bis hin zum Atari Jaguar war alles dabei. Bei den Duell-Runden waren natürlich Sportspiele wie NBA Jam oder Champions World Class Soccer gern gesehene Gäste. Aber auch Beat ‘Em Ups fanden sich immer wieder im Repertoire.

Eine (unvollständige) Auflistung gespielter Spiele:

Biker Mice from MarsKing of FightersSoccer BrawlSuper Sidekicks
Bubsy 2LegendSonic SpinballTempest 2000
ClaymatesMario Bros. (Super Mario All-Stars)Sonic the Hedgehog 3Tiny Toon Adventures: ACME All-Stars
Cyber-LipMicro MachinesSpinmasterTiny Toons Wacky Sports Challenge
Donkey Kong CountryNBA JamStreet RacerTop Hunter
Double Dragon VNova StormStunt Race FXViewpoint
Dr. Robotniks Mean Bean MachinePac-AttackSuper BombermanVirtua Racing
Fatal Fury SpecialPirates of Dark WaterSuper Bomberman 2Virtual Bart
Gunstar HeroesPlokSuper Bomberman 3Windjammers
Karnov's RevengeSmash TennisSuper Mario Bros. 3 (Super Mario All-Stars)Zool

Im Halbfinale traten zwei Spieler in einem Games-World-exklusiven Spiel gegeneinander an. Jeder übernahm dabei die Kontrolle über einen Charakter und musste im bildschirmgrossen Level bestimmte Items einsammeln. Je nach Stage handelte es sich dabei beispielsweise um Diamanten oder Holzstücke. Gegen eine Schutzgebühr von DM 15.00 plus einem frankierten Rückumschlag konnte das Spiel für den Commodore Amiga erworben werden.

In spätere Folgen wurde dieses Spiel durch andere Titel wie Nova Storm oder Tempest 2000 ersetzt. Der beeindruckendste Titel aber spielte in der Virtual Reality. Die Kandidaten trugen hierbei einen VR-Helm und mussten sich in einem virtuellen Raum bewegen und dort ein Stück Käse finden. Gelenkt wurde, sofern mich die Erinnerung nicht täuscht, über Bewegungssteuerung innerhalb eines Ringes, welcher die Aktionen jeweils registrierte.


Das Original

Den Ursprung hatte die Sendung jedoch in England, wo sie 1993 vom britischen Pay-TV-Sender Sky One lanciert wurde. Am 1. März wurde die erste Folge ausgestrahlt, moderiert von Robert Mills, welcher bereits in «Doctor Who» oder der täglichen Quizshow «Win, Lose or Draw» TV-Erfahrungen sammelte. Ihm zu Seite standen jeweils Jeremy Daldry, Tim Boone und Dave Perry (nein, nicht der Schöpfer von Earthworm Jim), welcher bereits zuvor an der Sendung GamesMaster mitgewirkt hatte und auch diverse Videospielmagazine in England veröffentlichte.

Die Sendung lief mehrmals wöchentlich. Am Montag und Mittwoch traten die Kandidaten in verschiedenen Spielen gegeneinander an, der Sieger durfte sich dann am Freitag gegen einen Videator beweisen. Die Gewinner wurden jeweils mit einer Games World-Bomberjacke ausgezeichnet, der Staffelsieger wurde sogar mit einem Arcade-Gerät belohnt.

Die UK-Ausgaben von Games World beinhaltete auch verschiedene Formate wie «The Peep Parlour», in welchem Videospieler die Games Mistress um Rat fragten, oder auch «Master Classes», in welcher Videatoren die Zuschauer durch verschiedene Szenen eines ausgewählten Videospiels führten. Die Sendung mauserte sich zur erfolgreichsten britischen Produktion auf SkyOne, nur übertroffen von den amerikanischen Simpsons und WWF-Wrestling-Shows. Die Sendung lief 2 Jahre vom 1. März 1993 bis zum 10. März 1995 und wurde am 9. März 1998 mit Gastgeber Andy Collins nochmals neu aufgelegt, aber bereits ein Jahr später war das nun endgültige Aus der Show gekommen.


Das Magazin

Games World war allerdings nicht nur im Fernsehen präsent, nein, mit dem gleichnamigen Magazin wollte man auch die Regale der Zeitschriftenhändler erobern. Im Februar 1995 debütierte «das einzig wahre TV-Spielemagazin», herausgegeben wurde es von Alchemy Publishing und kostete 6,50 DM. Es handelte sich um eine übersetzte Version des englischen Originalmagazins. Das Cover dieser ersten Ausgabe 2/95 zierte Virtua Fighter für den SEGA Saturn, inhaltlich widmete man sich auf den rund 100 Seiten News und Tests zu aktuellen Plattformen und Spielen, inklusive PCs. Die nächsten beiden Ausgaben erschienen im Monatsrhythmus, nach einem Monat Unterbruch markierte die Doppelausgabe 7/8 1995 bereits wieder das Ende dieser kurzen Ära. Die Magazine findet ihr auch im Archiv von https://www.kultmags.com/.


Das Ende

Doch nicht nur das Magazin fand ein jähes Ende, auch die Sendung erwies sich leider als nicht allzu langlebig. Die letzten Folgen von Games World liefen auch nicht mehr am Sonntagmorgen, sondern erhielten ihren neuen Sendeplatz am Samstag um 9:30 Uhr. Nach rund anderthalb Jahren zog Sat.1 bereits wieder den Stecker. Mit dem Generationenwechsel in der Videospielwelt war wohl auch das Ablaufdatum von Games World erreicht.

Was bleibt sind viele Erinnerungen an eine Show, wie sie wohl nur in den 90ern vorkommen konnte. Für Videospielfreunde wie uns, die sich auch durch die wirre Kameraführung nicht vom Einschalten abhalten liessen, war es in einer Ära lange vor Internet, eSports und YouTube eine seltene Möglichkeit bewegte Bilder verschiedenster Games zu erleben und Spieler gegeneinander antreten zu sehen.


Erlebnisbericht eines Kandidaten

Erik Amaya war in der 3. Folge vom Games World zu Gast. Seine Erlebnisse fasste er damals in einem interessanten Erlebnisbericht auf seiner Website zusammen. Ihr könnt diesen dank Webarchive hier nachlesen:

Zwei Gesamtschüler als Kandidaten bei Games World


Videos

Dank YouTube gibt es immerhin die Möglichkeit, einige der Sendungen nochmals zu erleben. Viel Spass auf dem Trip zurück in die 90er mit dieser Playlist:

 

Teile dies mit deinen Freunden: