Seriencheck: Paperboy Zeitungen austragen mit Schabernack

Nicht wenige US-Familienfilme beginnen mit einem Jungen auf einem Fahrrad, der durch eine typische Einfamilienhaus-Siedlung radelt und zusammengerollte Zeitungen möglichst vor die Haustür der vorfreudig wartenden Abonnenten schmeisst. Ein Szenario, das bei uns so nicht wirklich bekannt ist, aber dennoch bei Gamedesignern auf so viel Begeisterung stiess, dass man tatsächlich ein Videospiel dazu bastelte. Geboren war die Paperboy-Reihe.

Eine Serie, die ich zwar schon länger kannte, aber erst mit einem Rerelease des Originals auch meine Begeisterung wecken konnte. In der Folge habe ich auch immer mal wieder die verschiedenen Umsetzungen und Titel für Nintendo-Systeme eingelegt und munter Zeitungen ausgetragen. Werfen wir einen Blick zurück auf die (quantitativ erstaunlich überschaubaren) Vertreter der Paperboy-Reihe.


Paperboy

Im Februar 1985 veröffentlichte die Arcade-Sparte von Atari, genauer gesagt Atari Games, einen neuen Videospielautomaten. Für einmal ging es nicht um irgendwelche Weltraum-Ballereien oder das Retten entführter Damen, sondern darum als Zeitungsjunge Exemplare der „Daily Sun“ an die Kunden zu verteilen. Nicht nur aufgrund der aussergewöhnlichen Thematik zog das Gerät die Aufmerksamkeit in den Arcades auf sich, nein: Statt Joysticks und Buttons verfügte das Gerät nämlich über eine Steuervorrichtung in Form eines Fahrradlenkers. Damit konnten Spieler ihr digitales Zweirad stilecht durch die Strassen manövrieren.

Eure Aufgabe als Paperboy bestand darin, eine ganze Woche, von Montag bis Sonntag, Zeitungen an die Abonnenten zu verteilen. Vor Arbeitsantritt darf der Spieler wählen, welche Strasse er bedienen möchte. Es gibt die Easy Street, die Middle Road und den Hard Way, benannt nach dem jeweiligen Schwierigkeitsrad. Eine Karte verrät euch anschliessend, welche Häuser beliefert werden müssen. Die Papierbündel gehören entweder vor die Tür, oder – für Extrapunkte – in den schwerer zu treffenden Briefkasten geschmissen. Erhält der Kunde jedoch keine Zeitung oder ihr schmeisst sogar noch dessen Fenster ein, kündigt er sein Abo.

Auf eurer Radtour durch die Nachbarschaft trefft ihr auf zahlreiche spezielle Situationen und Gegenstände, welche das Leben als Zeitungsjunge spannend machen. Viele Objekte laden richtig dazu ein, mit einer Zeitung beworfen zu werden. Mülleimer, Fenster, Grabsteine oder auch Personen, die zum Beispiel grad den Rasen mähen oder in ein Haus einbrechen wollen. Ein Treffer löst nicht nur eine Aktion aus, sondern beschert auch Extrapunkte.

Andere Objekte wie bissige Hunde, holprige Gullideckel, Fahrzeuge oder Kindern auf Dreirädern stellen sich als Hindernisse heraus und rauben euch bei Kollision ein Leben. Wer nun aber wahllos mit Zeitungen um sich wirft, hat ein Problem: Diese sind in der Anzahl limitiert, um den Vorrat aufzustocken warten gelegentlich Pakete mit weiteren Zeitungen auf den Lieferjungen.

Am Ende des Liefertour wartet nochmals eine zusätzliche Herausforderung: Ein Hindernisparcours, bei dem ihr mit Würfen auf Zielscheiben euer Punktekonto nochmals gehörig in die Höhe schrauben könnt.

Vom Arcade-Automaten wurden weltweit insgesamt 3’442 Exemplare verkauft, wodurch er immerhin zu den 200 meistverkauften Geräten gehört. Wesentlich öfters verkauft wurden jedoch die diversen Umsetzungen für Heimcomputer, Mobilgeräte und natürlich auch Konsolen. Letztere schauen wir uns mal noch genauer an.


Paperboy (Konsolenportierungen)

Als erstes System wurde 1988 das NES beglückt. Im Vergleich zum Original wirkt das Geschehen deutlich abgespeckt, die Darstellung leidet unter akuter Farbarmut und spielerisch macht die zähe Steuerung zu schaffen. Leider ein enttäuschender Ableger, der immerhin im Film 8-Bit Christmas (Deutsch: Weihnachtsjagd: Das Fest der Spiele) im Jahr 2021 nochmals zu einem prominenten Auftritt kommt.

Für den Game Boy erschien Paperboy 1990. Im Gegensatz zur NES-Version, haben sich die Entwickler hier deutlich mehr Mühe gegeben. Eine Solide Umsetzung, die jedoch unter dem kleinen Bildausschnitt und der Düdelmusik leidet. Mit Ataris Lynx wurde ein weiterer Handheld beehrt. Die Optik präsentiert sich in bunt, offenbart sich leider als arg ruckelig und ist mit der kleinen, pixeligen Darstellung etwas mühsam zu spielen.

Wesentlich besser macht es da die Version für das SEGA Master System. Es sieht nicht nur hübscher und farbenfroh aus, sondern spielt sich auch sehr flüssig. Dazu wurde dem Modul neue Hintergrundmusik spendiert. Ähnliches gilt auch für die Game Gear-Umsetzung, wenngleich sie spielerisch etwas schwächelt.

Auch SEGAs 16-Bit-Konsole, das Mega Drive, wurde 1990 mit einer Umsetzung bedacht. Es spielt sich etwas gemächlicher als die anderen Ableger, verlangt dafür aber beispielsweise auch mehr Ausweichmanöver. Die Grafik ist gelungen, der Sound ebenso und verzückt sogar mit Sprachausgabe. Definitiv die beste Portierung des Arcade-Titels.

1999 wurde Nintendos Game Boy Color mit der bislang letzten Konsolen-Konvertierung bedacht. Es ist nicht eine blosse Einfärbung der Monochrom-Version, sondern wurde extra für den GBC programmiert und kann durchwegs überzeugen.

Wer lieber das Spielhallen-Original spielen möchte, der hat in zahlreichen Arcade-Collections von Midway oder Atari die Gelegenheit dazu. Zudem erschien der Titel für die Xbox360 Live Arcade.


Paperboy 2

6 Jahre nach dem Original und nur ein Jahr nach den meisten Konsolenumsetzungen des ersten Teils, wurde Paperboy 2 veröffentlicht. Diesmal jedoch nicht für die Spielhalle, sondern ausschliesslich für Konsolen und Heimcomputer.

Das Spielprinzip selber wurde gegenüber dem Vorgänger beibehalten. Noch immer radelt ihr durch ein Gebiet, verteilt Zeitungen an Abonnenten und treibt Schabernack für Extrapunkte. Inhaltlich gab es einige Änderungen. Der Mehrspielermodus lässt nun 2 Zeitungsausträger in die Pedale treten. Zudem haben sie neu die Wahl entweder als Paperboy oder auch als Papergirl den Job anzutreten. Und auch die Liefergebiete wurden dezent erweitert: Statt 3 Strassen gibt es nun 1’000 verschiedene Routen zur Auswahl.

Auch auf den Pisten ist nun wesentlich mehr los als noch im Vorgänger. Rampen oder Erdhügel laden zu Sprüngen ein, als Gegner machen unter anderem auf dem Friedhof umherspukende Geister, bissige Hunde oder aus Gullys emporgrabschende Hände den Job zur Herausforderung.

Die Umgebung bietet ebenfalls viel mehr Interaktionsmöglichkeiten. Ein älteres Ehepaar auf der Verandaschaukel, eine knapp bekleidete Dame, die neben einem Rasensprenger ein Sonnenbad nimmt, eine überaus lebhafte Vogelscheuche, ein Raubüberfall oder auch ein Schwein am Spiess: Sie alle warten nur darauf, von einer Zeitung beworfen zu werden. Das Spiel sprüht nur so von Humor und Gags, die den Spieler für Extrapunkte immer wieder zum Ausprobieren animieren.

Die NES-Version macht dabei einen grossen Sprung im Vergleich zur enttäuschenden Umsetzung des ersten Teils. Die Optik ist für die Möglichkeiten des 8-Bitters durchwegs gelungen, vor allem die Steuerung erfuhr ein massives Upgrade. Selbiges gilt auch für die Game Boy-Version, die grafisch sogar noch ein paar Details mehr zu bieten hat als die NES-Variante. Die beste Optik einer Nintendo-Plattform bietet natürlich die SNES-Portierung (siehe obere 4 Screenshots), wenngleich es für 16-Bit etwas unspektakulär scheint. Aber spielerisch steht sie den anderen Versionen in nichts nach.

Freunde von SEGAS Systemen kommen auf dem Game Gear in den tragbaren Genuss einer soliden Umsetzung von Paperboy 2. Die unbestritten beste Version des Spiels findet sich aber erneut auf dem SEGA Mega Drive. Wie schon beim ersten Teil beinhaltet das Spielerlebnis einen eigenen Soundtrack, unterstützt von Sprachsamples. Auch spielerisch überzeugt der Titel, weiss sogar mit exklusiven Inhalten zu gefallen.


Paperboy

Der bis heute letzten Teil der Reihe erschien im Herbst 1999 für das Nintendo 64. Eine PlayStation-Version war ebenfalls geplant, wurde jedoch nie veröffentlicht. Unter dem simplen Namen Paperboy brachte High Voltage Software das Spielprinzip in die dritte Dimension.

An der Grundidee selber hat sich nichts verändert: Wahlweise 1 oder 2 Spieler machen sich als Paperboy oder -girl auf in die Easy-, Middle- oder Hard-Street. Ihr radelt durch die Gegend, verteilt Zeitungen an deren bestimmte Empfänger, weicht Hindernissen aus und werft das eine oder andere Papierbündel, um bei verschiedenen Szenen Ereignisse auszulösen.

Diesmal beschränkt sich euer Job jedoch nicht nur auf ein Gebiet, sondern verschlägt euch an verschiedene Schauplätze, alle mit eigenen Gegebenheiten und Herausforderungen: Ein klassisches Wohngebiet, Trailer Park in einer Wüstengegend oder ein Strandareal. Die Schauplätze können durch erfolgreiches Ausüben eures Jobs laufend freigespielt werden. Je nach ausgewähltem Schwierigkeitsgrad variiert der Umfang. Insgesamt 15 Welten plus Trainingsparcours und 12 Bonuslevels warten auf den Zeitungsboten.

Bei Hindernissen und Umgebung entdeckt der Serienkenner immer wieder altbekannte Elemente oder verschiedene Anspielungen an frühere Teile, aber auch viele neue Ideen haben Einzug gehalten. Neu radelt der Zeitungsjunge nicht einfach drauflos, sondern ihr dürft die Gegend nach eigenem Gusto erkunden und die Route selber bestimmen. Mit dem Einsatz von sammelbaren Items wie Turbos oder Supersprüngen könnt ihr euch einen kleinen Vorteil bei eurer Mission erschaffen. Wer fleissig Bonusmünzen sammelt, der kann zudem die angesprochenen Bonuslevels freischalten.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist zu Beginn die Steuerung. Mit L, Z oder R wird der Wurf gezielt, mit Loslassen dann ausgeführt. Mit etwas Übung hat man die Zeitungsverteilung jedoch gut im Griff. Neu zum Repertoire gehören auch Sprünge oder Slides. Speziell ist auch die – sagen wir mal – nicht allzu hübsche Optik. Wie der Producer verriet, wollte man für Paperboy einen eigenen Style verwenden, was auch der Limitierung der Konsole und der Engine geschuldet gewesen sei. Das Ergebnis jedenfalls ist etwas speziell, hat aber keinen wesentlichen Einfluss auf das Spielerlebnis.

Von den Testern erhielt Paperboy durchwachsene Kritiken, die Optik oft ein Punkt, auf dem herumgetrampelt wurde. Rein spielerisch mag es kein Überflieger sein, wer sich mit dem Spielprinzip und Humor des Titels anfreunden kann, der wird auf jeden Fall eine Menge Spass mit dem Titel haben.


Zukunft

Seit dem unpopulären N64-Titel ruht die Paperboy-Reihe nun mittlerweile seit über 25 Jahren. Ausser den Wiederveröffentlichungen für Xbox Live Arcade und einer Mobile-Umsetzung für Apple iOS gab es keine nennenswerten Lebenszeichen der Spieleserie. Dabei hat sie durchaus ihre Spuren in der Pop-Kultur hinterlassen. Neben dem bereits erwähnten Film 8-Bit Xmas brachte es Paperboy auch zu einem Auftritt im Disney-Film „Ralph reichts“.

Die Leute von Random Encounters widmete dem Spiel sogar ein eigenes Musical:

Doch auf der Videospielseite herrscht flaute. Dass das Konzept heute noch funktioniert, hat Pixel Trip Studios mit The Video Kid bewiesen. Der charmanten Liebeserklärung an die 80er habe ich in einem eigenen Bericht bereits vorgestellt. Doch viel mehr weitere  erwähnenswerte Vertreter der Spielidee gibt es leider nicht.

Doch wie könnte ein Paperboy heutzutage denn aussehen? Die (teils noch etwas unausgereiften) Ideen des N64-Ablegers boten durchaus Potenzial. Statt nur in der gleichen Nachbarschaft die Zeitungen auszutragen, das ganze auf grössere Gebiete ausweiten, mit offenem Aktionsradius und verschiedenen anderen Möglichkeiten und Aufgaben. Vielleicht mit einigen Elementen aus Crazy Taxi oder einem GTA? Oder warum nicht gleich ein Open World Paperboy? Oder wird sich wenigstens Hamster dazu erbarmen, auch amerikanische Titel in ihre Arcade-Archives-Reihe mit aufzunehmen und dem Original zu einem Rerelease zu verhelfen?

Möglichkeiten gäbe es genug, was schlussendlich aus der Franchise gemacht wird, das liegt allein in Midways Händen.