The Ottifants «Bruno, der Baby-Ottifant, ist in Bedrängnis!»

Seit über 50 Jahren singt, hüpft und jodelt sich Otto Waalkes über die Bühnen des Deutschsprachigen Raumes. Der vielfältige Künstler begeisterte dabei Generationen, beeinflusste den allgemeinen Sprachgebrauch, brachte diverse Kassenschlager in die Kinos und lieh verschiedensten Charakteren als Synchronsprecher seine Stimme. Auch als Maler und Comiczeichner war er immer wieder aktiv, so entstand auch sein Maskottchen und Markenzeichen: Der Ottifant. 1975 grinsten die berüsselten Vierbeiner erstmals von einem Schallplattencover aus Ottos eigenem Label «Rüssl Räckords». Schnell erlangten die Ottifanten grosse Beliebtheit und sind seither steter Begleiter des Blödelbarden. Anfang der Neunziger eroberten «Ottos Ottifanten» mit der gleichnamigen Zeichentrickserie auch die heimischen TV-Geräte. Inhaltlich drehte sich alles um das Leben der Ottifanten-Familie Bommel. Im September 1993 wurde die Serie erstmals auf RTL ausgestrahlt. Basierend auf dem Cartoon veröffentlichte SEGA höchstpersönlich auch die ersten Videospiele mit offizieller Ottifanten-Lizenz, unter anderem für das SEGA Mega Drive.


Plattform: Sega Mega Drive
Genre: Jump n’Run
Hersteller: Graftgold
Publisher: Sega
Spieler: 1
Erschienen: Dezember 1993 (Europa)

 


Die Verpackung

Wir sehen Baby Bruno, den Hauptprotagonisten des Spiels, der mit seinem angesengten Teddybär Honk richtiggehend von der Verpackung flüchtet und über den Schriftzug «The Ottifants» hüpfen will. Hinter ihm spaltet sich bereits die Erde auf, Flammen schiessen aus dem Erdinnern empor während ein gigantischer Flammen-Ottifant mit feurigem Dreizack in der linken Hand das Geschehen mit einem diabolischen Blick verfolgt. Doch Rettung naht: Ein Ottifant in Superheldenuniform mit gelbem O auf grünem Grund auf der Brust fliegt mit geballter Faust dem Finsterling entgegen.

Die Rückseite wird geziert von 4 Screenshots aus unterschiedlichsten Abschnitten – eine zeigt dabei den vorletzten Boss des Spiels. Für die Beschreibung der bis dahin nur im deutschsprachigen Raum präsenten Ottifanten lässt sich SEGA nicht lumpen: gleich in 8 Sprachen wird die Hintergrundgeschichte in winziger Schrift erzählt.


Die Spielanleitung

Auf der Frontseite der Instruction Manual prangt eine zurechtgestutzte Version des Cover-Artworks. SEGA-typisch kommt die Anleitung relativ trocken und übersichtlich daher. Auch hier wird der Inhalt auf einer Doppelseite in den 8 Sprachen erklärt, untermalt von einigen schwarz-weiss Bildern. Auffällig ist, dass – ähnlich wie bei den Schlümpfen, wo alles «schlumpft» – ist hier ziemlich alles «Otti». Die Fähigkeiten von Baby Bruno? Werden als Otti-Features aufgeführt. Die verschiedenen Schauplätze? Natürlich Otti-Welten. Die Informationen auf dem Screen? Ottifanten-Anzeigen, ist doch klar.


Das Spiel

Familienvater Paul Bommel macht im Büro der Firma Kaluppke & Co mal wieder Überstunden. Doch die Abwesenheit seines Papas lässt Baby Brunos Fantasie auf vollen Touren rattern. Für den Sprössling ist schnell klar: Sein Vater ist von Ausserirdischen entführt worden! Und die zahlreichen Gummibären, welche Paul auf dem Weg zur Arbeit hinterliess, deutet er als verzweifelten Hilferuf. Schnurstracks folgt Bruno der Süssigkeitenspur, um seinen Papa aus den Klauen der gemeinen Aliens zu befreien.

Die Gummibärchen sind ein wichtiger Bestandteil der imaginären Rettungsmission: In jedem Abschnitt gilt es für Bruno eine vorgeschriebene Mindestanzahl des bunten Süsskrams einzusammeln, um dadurch einen Ottifanten-Kumpel zu erwecken, welcher Bruno Zutritt in die nächste Stage verschafft. Um dies zu erreichen gilt es die gesamten Welten gezielt nach den begehrten Objekten abzusuchen. Allerdings warten etliche Hindernisse auf den Windel-Helden. Zahlreiche Gegner wie übel gesinnte Ottifanten, bissige Blumen oder aggressive Alltagsgegenstände bevölkern das Suchgebiet und zehren bei Berührung an seiner Energieleiste, die in Form einer Flasche Orangensaft abgebildet ist. Zusätzlich sind die Bereiche auch noch gespickt sind mit Fallen wie Stacheln oder blitzenden Stromkabeln, die zu sofortigem Lebensverlust führen.

Doch Baby Bruno weiss sich natürlich zu helfen. Aus seinem Rüssel kann er kugelförmige Süssigkeiten auf die Widersacher schiessen. Alternativ kann er die meisten Gegner auch durch einen beherzten Sprung auf deren Kopf schwächen. Doch gerade sein Riechkolben erweist sich im Verlauf des Abenteuers als äusserst nützlich: So kann er damit Blöcke aufnehmen und Gegnern entgegenschmeissen oder als Plattform platzieren. Zudem lassen sich damit auch entfernte schwebende Plattformen ansaugen und in die Nähe lotsen.

Hilfe erhält Bruno auch von verschiedenen Items. Ein Herz spendet ihm ein Extraleben, drei gesammelte Lutscher verschaffen Bruno eine Superpower. Je nach Farbkombination der Schleckstängel erhält er eine andere Fähigkeit. Das Repertoire umfasst beispielsweise Flitzer-Schuhe, welche Bruno schneller rennen lassen, eine Uhr, welche Gegner einfriert, stärkere Schusskraft für seinen Rüssel, Unverwundbarkeit oder die Verwandlung in den Superfant, der Bruno durch die Levels fliegen lässt.

Das Leveldesign beglückt euch auch immer wieder mit kleinen Schalter-Sucheinlagen. Einmal betätigt, lassen diese für den Fortschritt notwendige Plattformen erscheinen, welche die Suche nach dem nächsten Hebel ermöglichen. Manche unscheinbare Stelle in den Levels befördert euch ohne Vorwarnung in ein Bonuslevel, in welchem es innerhalb eines Zeitlimits möglichst viele Gummibärchen zu sammeln gilt um das Punktekonto aufzustocken. Findet ihr einen Stehauf-Ottifant, darf Baby Bruno nach einem Lebensverlust den Abschnitt an dieser Stelle fortsetzen. Eine willkommene Hilfe in den teils etwas unübersichtlichen Levels. Wisst ihr mal nicht wie es weiter geht, erscheint ein Pfeil, welcher euch die Richtung weist.

Die insgesamt 6 Welten führen euch nebst dem Haus der Bommels auch in deren Keller und Garten, eine Baustelle sowie das Büro der Firma Kaluppke & Co. Den Abschluss bildet der Dschungel, und das nicht ohne Grund: dieser befindet sich im Büro von Paul Bommels Sekretärin Fräulein Lusch, die bekanntermassen Unmengen von Pflanzen in ihrem Arbeitszimmer beherbergt. Jede Welt beinhaltet (mit Ausnahme des etwas umfangreicheren Büros) 3 Levels plus Bosskampf, in welchem sich Baby Bruno durch Rüsseleinsatz den Zutritt in die nächste Welt erkämpfen muss.

Das Gameplay weiss grundsätzlich zu überzeugen. Die Suche nach Gummibärchen und Schaltern kann sich in gewissen Stages stellenweise als mühsam erweisen. Entschärfen lässt sich dies durch die unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen: Die Anzahl Süssigkeiten bei Easy (25%) und Normal (50%) hat man relativ schnell zusammen, bei Hard (75%) ist dann teils schon etwas Sucharbeit nötig. Für Beginner gibt es noch den Trainingsmodus, der ohne Einschränkungen die ersten 3 Welten auswählen und spielen lässt. Auch die Anzahl Leben zum Spielstart lässt sich in den Optionen in 3 Stufen einstellen. Etwas knifflig macht es auch die rutschige Steuerung, die Baby Bruno gerne mal ungewollt von einer Plattform schliddern lässt, auch gezielte Sprünge auf bestimmte Plattformen sind an wenigen Stellen nicht immer einfach auszuführen. Bezüglich Umfang gibt es nichts zu meckern, ein Passwortsystem lässt euch zudem in jeder der 6 Welten die Mission fortsetzen.

Grafisch kann die Ottifanten-Versoftung durchs Band überzeugen. Die Sprites überzeugen mit tollen Animationen und auch die Hintergründe präsentieren sich als sehr detailverliebt. Negativ fällt hier lediglich ins Gewicht, dass nicht immer klar ist, was nun zum Background gehört und was eine Plattform bzw. Hindernis darstellt. In Sachen Musikuntermalung werdet ihr mit stimmigen Kompositionen durch das Spiel begleitet. Die Soundeffekte hätten jedoch etwas zahlreicher und knackiger sein können. Insgesamt entpuppt sich The Ottifants als gelungener Plattformer, der etwas unter dem Sammelzwang und kleinen Details wie der glitschigen Steuerung leidet. Die tolle Technik und die sympathische Lizenz machen den SEGA-Titel dennoch zu einem spielenswerten Stück Software.


Seppatoni & The Offifants

Otto Waalkes und dessen Ottifanten waren mir natürlich nicht unbekannt, auch die Zeichentrickserie wurde regelmässig konsumiert und wusste bestens zu unterhalten. So gut sogar, dass sich mein Brüderchen Jahre später die ganzen Episoden als DVD-Sammlung holte. Dass es eine Videospielumsetzung dazu gibt, davon erfuhr ich dank einer Werbung in der Mega Fun. Mangels SEGA-Konsole war eine Anschaffung des Titels kein Thema. Erst als ich fast 20 Jahre später günstig ein Mega Drive abstaubte, holte ich mir dann auch den Ottifanten-Titel. Spielerisch riss mich das Spiel nicht vom Hocker, wirklich etwas länger habe ich es auch die letzten Wochen erst gespielt, welche in diesem Bericht endeten.

Wesentlich interessanter fand ich das ganze Drumherum und auch die Frage, warum SEGA Anfang der 90er überhaupt auf die Idee kam, ein Spiel zu veröffentlichen, das auf den Maskottchen eines deutschen Komikers basiert. Programmiert wurde The Ottifants von Graftgold aus Flintshire im Norden von Wales. Und von dort aus eroberte es nicht nur Deutschland oder Europa, nein, die Ottifanten schafften es in die ganze Welt. Asien, Australien und auch Brasilien wurden mit Baby Brunos Abenteuer beglückt. Nicht nur das, es kam sogar zu Wiederveröffentlichungen im Rahmen der «Classic Mega Drive»- (Europa) und «SEGA Gold Collection»-Reihen (Australien).

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